Mit ‘Das Erste’ getaggte Beiträge

Gruseliges aus der Lindenstraße

Veröffentlicht: 31. Oktober 2011 in TV
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In einem unheimlichen Trailer zur ersten Folge der Lindenstraße finden wir uns im Wohnzimmer von Carsten Flöter und seiner Mutter Elisabeth wieder. Zunächst gibt Carsten die Marschrichtung vor, wenn er verkündet, „Ich bin Carsten Flöter [verliebter Blick] und ich wohne noch bei meiner Mutter“. Anschließend sehen wir Elisabeth im Sessel sitzend, ähnlich wie die Mutter von Norman Bates in ihrem Schaukelstuhl, allerdings war diese schon eine Zeit lang tot. Wenn dann Elisabeth „Ich freu mich auf Sie“ in die Kamera heuchelt und verheißungsvoll mit ihrem rechten Auge zwinkert, fühle ich mich wie Hänsel im Lebkuchenhaus, der gleich von der bösen Hexe in den Käfig gestoßen wird.

Ich bin Cinderella und Norman in die Falle getappt. Pünktlich und freiwillig sitze ich jeden Sonntag vor meiner Eskapismusmaschine und warte auf Einlass ins Haus mit der Nummer 3.

Wer gedacht hat, die Kerner-Sendung mit Eva Herman war die TV-Geschmacklosigkeit des Jahres, lag falsch. Im Ersten diskutierten Nina Hagen („Mutter des Punks“) und Dr. Joachim Bublath (Knoff-Hoff-Show) bei Sandra Maischberger (Trägerin des Medienpreises für Sprachkultur) zu später Stunde über Gott, das Internet und Außerirdische.

Das Internet sei eine Universität, erklärt Frau Hagen zunächst den weiteren Talkgästen, die ihr Wissen allem Anschein nach aus veralteten Quellen wie Büchern beziehen. Sukzessive schreit sie sich in unbeschreiblicher Manier in Rage, sobald ein Talkgast wissenschaftliche Erkenntnisse gegen ihre persönliche Erlebnisse mit Außerirdischen anführt. Sie droht damit, die Sendung schon kurz nach deren Beginn zu verlassen, weil insbesondere Herr Dr. Bublath an der Existenz von Marsmännchen zweifelt. Auf ihn hat sie sich eingeschossen. Joachim Bublath, zurecht einer der bekanntesten Wissenschaftsjournalisten im deutschen Fernsehen, will darüber hinaus partout nicht verraten, ob er an Gott glaubt, was Frau Hagen wiederum dazu bewegt, Gott, Engel und die Außerirdischen gegen Herrn Bublath aufzuhetzen. Die Sendung entwickelt sich zu einem der unglaublichsten TV-Ereignisse des Jahres. Sie ist nicht nur ein Abgesang auf den deutschen TV-Journalismus, sondern vor allem ein Armutszeugnis, ausgestellt von Nina Hagen für Nina Hagen. Im weiteren Verlauf der Sendung unterbietet sie das Niveau von Margarethe Schreinemakers Auftritt bei JBK vor 3 Wochen um luzianische Tiefen. Falls die Menschheit von Ufos bedroht wird, sollte sie Nina Hagen vorschicken.

Warum kann ich nicht wegschalten? Warum muss ich mir die Menschen bei Maischberger antun? Weil ich weiß, dass TV-Geschichte geschrieben wird, angesiedelt zwischen Rudi Völlers Weißbier-Waldi-Attacke und und eben jener mittlerweile legendären „Autobahn-geht-gar-nicht”-Diskussion im ZDF.

Mittlerweile hat mein Weblogfreund technoistgleich.wordpress.com das Rätsel im DSF gelöst und endgültig den Weg zur ARD gefunden. Zu zweit wundern wir uns darüber, welche Frechheit uns für unsere GEZ-Gebühren geboten wird. Nach ein paar Minuten des ungläubigen Staunens stellt er zurecht fest: „Frau Herman ist ein Mikrowitz gegen Nina Hagen!“ Skype glüht.

Dann die überraschende Wendung: Herr Bublath – und nicht Frau Hagen – verlässt wortlos nach derben, unqualifizierten Beschimpfungen seitens der Rock-Röhre die Diskussionsrunde und damit ein an sich gemütliches Menschensofa. Wer kann es ihm verdenken. Frau Hagen, nach eigener Auskunft übermüdet und noch im Jetlag befindlich, ruft dem Physiker trotzige Wortfetzen wie „evil“ und „satanisches Blendwerk“ hinterher. Sie vergleicht ihn nicht nur mit dem amerikanischen Präsidenten, sondern auch gleich mit dem Bösen an sich. Frau Maischberger („Nina, ich habe das Gefühl, dass in deinem Kopf viel durcheinander geht“) verbietet ihr von nun an das Wort und ignoriert sie bis zur Verabschiedung der blass gebliebenen anderen Experten zum Thema. Sie ignoriert Nina Hagen so gut wie sich Nina Hagen eben ignorieren lässt. Spätestens jetzt müsste JBK daheim ob der seltsamen Begebenheiten auf dem Bildschirm der Konkurrenz vor Neid platzen!!!

Ungläubige Verwunderung über meinen früheren Lieblingssender steigt in mir hoch. Enttäuscht von der ARD gönne ich mir zu später Stunde eine Tasse Rooibos-Mandel-Ginseng als Tee des Tages. Schließlich ist etwas Furchtbares passiert.